Archive for the ‘Gedichte’ Category

Abendlied

Diese Nacht konnte ich einen prächtigen Mond am Nachthimmel bewundern. Da erinnerte ich mich an das wunderschöne Abendlied von Matthias Claudius:

1. Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

2. Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

3. Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

4. Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

5. Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

6. Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

7. So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Matthias Claudius (wahrscheinlich 1778 geschrieben)

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Der Garten der Liebe

Ich begab mich zum Garten der Liebe

Und sah, was noch nie ich gesehn:

Eine Kirche gebaut in der Mitte,

Wo ich pflegte zum Spielen zu gehn.

Und die Pforte der Kirch‘ war verschlossen

Und „Du sollst nicht“ graviert überm Tor.

William Blake, 1793

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Lebenskunst

Jeder Mensch ist ein Künstler

„Lass Dich fallen,

lerne Schlangen zu beobachten,

pflanze unmögliche Gärten,

lade jemand Gefährlichen zum Tee ein,

mache kleine Zeichen, die „Ja“ sagen und verteile sie überall in Deinem Haus.

Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit,

freue Dich auf Träume.

Weine bei Kinofilmen,

schaukle so hoch Du kannst

mit einer Schaukel bei Mondlicht.

Pflege verschiedene Stimmungen,

verweigere „verantwortlich“ zu sein,

tu es aus Liebe.

Glaube an Zauberei, lache eine Menge, bade im Mondlicht.

Träume wilde, phantasievolle Träume.

Zeichne auf die Wände, lies jeden Tag.

Stell Dir vor, Du wärst verzaubert,

kichere mit Kindern.

Höre alten Menschen zu, freue Dich, tauche ein, sei frei.

Preise Dich selbst, lass die Angst fallen, spiele mit allen.

Unterhalte das Kind in Dir, Du bist unschuldig,

baue eine Burg aus Decken,

werde nass,

umarme Bäume,

schreibe Liebesbriefe.“

 Joseph Beuys

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